Thalia-Grundschule, Alt Stralau

Architekt unbekannt
Standort Alt Stralau 34, 10245 Berlin
Erbaut 1891-1894
Bauherr Wasserstadt GmbH Entwicklungsbereich Rummelsburger Bucht, Hauptstraße 4 B, 10317 Berlin
Eigentümer Land Berlin, vertreten durch das Bezirksamt Friedrichshain von Berlin, Abteilung Bildung und Kultur, Frankfurter Allee 35-37, 10247 Berlin
Nutzer Grundschule
Bauzeit 1995-1999
Bruttogeschossfläche 3355 m²

Die Thalia-Grundschule befindet sich im Bezirk Berlin-Friedrichshain auf der Halbinsel Stralau. Das Schulgebäude entstand zwischen 1891 und 1894 nach Plänen eines namentlich nicht überlieferten Architekten als dreigeschossige Einflügelanlage in märkischer Backsteinarchitektur. 1912 wurde die Anlage um eine Turnhalle mit Aula und Dachgarten erweitert. Der ziegelverblendete Mauerwerksbau erhielt eine eigenständige architektonische Ausprägung und wurde über einen Anbau mit dem Schulgebäude verbunden. Schule und Turnhalle bilden heute ein Denkmalensemble und sind ein bedeutendes Zeugnis expressionistischer Architektur in Berlin.

Ursprünglich als evangelische Knaben- und Mädchenschule errichtet, wurde das Gebäude nach der Eingemeindung Stralaus die 35. Gemeindeschule Berlins. Während des Zweiten Weltkriegs diente es als Lazarett, zu DDR-Zeiten als Durchgangsheim für als „auffällig“ eingestufte Mädchen, die dort isoliert, ohne Schulbesuch und teils zur Arbeit gezwungen untergebracht waren. Die Erziehung war von Einschüchterung, militärischem Drill und Arreststrafen geprägt. Heute erinnert eine Gedenktafel an das Schicksal der Heiminsassinnen. Nach 1990 stand der Altbau ohne schulische Nutzung leer und wies erhebliche bauliche Mängel auf. 1998-1999 erfolgte schließlich die Instandsetzung, Modernisierung und Erweiterung zur Wiederinbetriebnahme als Grundschule.

Das Schulgebäude umfasst vier Geschosse sowie ein nicht ausgebautes Dachgeschoss. Es ist als zweihüftige Anlage mit Mittelflur organisiert und in traditioneller Mauerwerksbauweise mit roten Klinkern errichtet. Schwarze Klinkerbänder und Gesimse gliedern die Fassade horizontal. Formsteine in den Gesimsbereichen, Fenstergewände und -stürze aus hellem Werkstein sowie eine Reihe von Spitzgiebelchen entlang der Traufe prägen das Erscheinungsbild.

Die Turnhalle zeichnet sich durch markante expressionistische Elemente aus, darunter Fensterbänder mit dreiecksförmigen Gewänden aus hellem Werkstein, eine Attika mit weit auskragendem Gesims und dreieckigen Mauerwerksbekrönungen sowie farbige Verblendklinker mit lebendiger Oberflächenwirkung. Die Fassaden befanden sich insgesamt in gutem Zustand und wurden im Zuge der Maßnahme gereinigt und neu verfugt. Die originalen Fenster konnten als prägende Gestaltungselemente erhalten werden. Zierverbände, Ziergiebel und Gesimse wurden denkmalgerecht instandgesetzt, historische Farbfassungen soweit möglich wiederhergestellt.

Im Inneren waren umfangreiche konstruktive Eingriffe erforderlich. Erdarbeiten dienten der Unterfangung, Tieferlegung von Sohlen und Abdichtung des Kelleraußenmauerwerks. Zur Verbesserung des Wärmeschutzes wurde eine Bodendämmung eingebracht. um die Dachfläche der Turnhalle auch im Winter als Sportplatz zu nutzen, fand Tausalz großflächig Verwendung. Die dadurch geschädigte Decke über dem Obergeschoss der Turnhalle musste vollständig erneuert werden, während sich die Decke über dem Erdgeschoss für die Nutzung als Aula als tragfähig erwies. Die beschädigte Aula Decke wurde als sichtbare Stahl-Beton-Verbundkonstruktion in ursprünglicher Geometrie neu hergestellt. Holzbalkendecken wurden ertüchtigt, eine neue Stahlbeton-Verbunddecke im Turnhallengebäude ergänzt. Das neue Treppenhaus im Zwischenbau entstand als Holz-Glas-Konstruktion mit Sichtbetonbauteilen; der hofseitige Umkleide- und Sanitärtrakt erhielt ein flaches Dach mit Oberlichtern in Aluminium-Glas-Bauweise.

Grundlage der Planung war das Bedarfsprogramm für eine zweizügige Grundschule mit rund 320 Schülerinnen und Schülern. Die vorhandenen Flächen unterschritten teilweise die geltenden Richtwerte, etwa bei der Größe der Klassenräume. Durch maßgefertigte Einbaumöbel mit integrierten Garderoben- und Schrankelementen konnten funktionale Defizite ausgeglichen werden.

Leitgedanke des Entwurfs war die konsequente Nutzung der vorhandenen Gebäudestruktur bei Wahrung der historischen Nutzungsstruktur und größtmöglichem Erhalt der denkmalgeschützten Substanz. Sämtliche Klassen-, Fach- und Mehrzweckräume, die Verwaltung sowie Turnhalle und Aula wurden im Altbau untergebracht. Neue Bauteile wurden klar vom Bestand ablesbar gestaltet und durch eine deutliche Fuge abgeschlossen.

Die Eingangs- und Erschließungssituation wurde neu organisiert, indem der Haupteingang von der Straßen- auf die Hofseite verlegt wurde. Dadurch konnte das historische Erscheinungsbild an der Straßenseite unverändert bewahrt werden. Eine großzügige Eingangshalle mit Aufenthaltsqualität bildet nun das Zentrum der Anlage. Ein neuer Erschließungskern mit Treppenhaus und Durchlader-Aufzug verbindet barrierefrei alle vier Schul- und zwei Sporthallengeschosse und erfüllt zugleich die Anforderungen an Flucht- und Rettungswege. Hofseitig öffnet der verglaste Zwischenbau den massiven Baukörper und arbeitet die Eigenständigkeit der historischen Gebäudeteile heraus.

Auch die technische Gebäudeausstattung wurde vollständig erneuert. Abwasser-, Wasser- und Gasanlagen, Wärmeversorgung unter Beibehaltung der Fernwärmestation, Starkstrom- sowie fernmelde- und informationstechnische Anlagen wurden entsprechend den aktuellen Anforderungen modernisiert. Die Aula wurde als Mehrzweck- und Speiseraum ausgebaut und mit einer Faltwand sowie einem beweglichen Podium ausgestattet; die historische Wandbemalung an der Stirnseite konnte einschließlich einer darin integrierten Ausgangstür restauriert werden.

Die historische Aula wird als Mehrzweck- und Speiseraum genutzt und unterstützt das Ganztagskonzept der Schule. Die Küche mit Speiseausgabe wird über den Aufzug versorgt. Eine wesentliche funktionale Verbesserung stellt der Neubau der Umkleide- und Sanitärräume für die Turnhalle dar. Diese wurden so positioniert und erschlossen, dass sie auch für die Außensportanlagen genutzt werden können.

Mit der Sanierung wurde auch die rund 9,5 Hektar große Freifläche neugestaltet. Es entstanden Sportanlagen für Leichtathletik und Feldspiele, Rasenflächen, befestigte Wege und ein großer Spielbereich. Durch die Verlagerung des Haupteingangs auf die Hofseite werden Schulgebäude, Sporthalle und Freianlagen funktional und sicher miteinander verknüpft.

Im Vorfeld der Planung wurde geprüft, ob eine denkmalgerechte Sanierung wirtschaftlich vertretbar sei oder ein Neubau günstiger wäre. Als Budgetobergrenze wurde der mittlere Kostenkennwert einer Neubauschule zuzüglich eines Zuschlags von zehn Prozent festgelegt. Der realisierte Entwurf zeigte, dass durch einen präzisen und zugleich behutsamen Eingriff in die Bausubstanz sowohl architektonische und denkmalpflegerische als auch wirtschaftliche Anforderungen erfüllt werden konnten. Der zulässige Zuschlag musste nicht vollständig ausgeschöpft werden. Nach Vorbereitung, Genehmigungs- und Bauphase konnte der Schulbetrieb am 1. September 1999 wieder aufgenommen werden.